Matchbericht: Freiämterderby

Beide haben Abstiegssorgen

Handball, 1. Liga: Handball Wohlen – TV Muri 25:26 (14:11)

Handball Wohlen bleibt weiter ohne Sieg und spielt die schlechteste 1.-Liga-Vorrunde der Vereinsgeschichte. Nur noch durch ein Wunder kann Wohlen der Relegation in die 2. Liga entkommen. Bei Muri sieht die Handballwelt nach dem Derbysieg ein wenig heller aus.

Stefan Sprenger, Wohler Anzeiger

26 Sekunden vor dem Ende ist der Jubel in der Hofmattenhalle riesengross. Wohlens Simon Eser knallt den Ball per Standwurf unter die Latte. 25:25. Die Wohler sind am ersten Punktgewinn der Saison nahe dran. Und dies, obwohl ihnen in der Schlussphase die Puste ausgeht und kaum mehr Optionen auf der Bank sind. Auch, weil Loris Faiss sich während des Spiels verletzt und nicht mehr mittun kann. So kommt es für die aufopferungsvoll kämpfenden Wohler zum brutalen Nackenschlag in den letzten Sekunden. Die Verteidigung gleicht nun einem Hühnerhaufen und kann nicht verhindern, dass Muris Noel Anghern fünf Sekunden vor Ende Wohlen-Captain Manuel Frey vernascht – und zum 25:26-Sieg für die Klosterdörfler trifft. Die Wohler sind am Boden zerstört.

Drei Wohler erzielen 22 Tore

Die Rückraumakteure Dennis Horn (6 Tore), Simon Eser (5) und Jan Oppliger (11), die das ganze Spiel über durchspielten (und 22 der 25 Wohler Kisten werfen), stellen die Murianer 55 Minuten lang vor grosse Probleme – und brechen am Ende ein. Und die Murianer? Diese jubeln ausgelassen. Auch wenn es sportlich um nichts mehr ging, so tankt man durch diesen Erfolg viel Moral für die Abstiegsrunde. Routinier-Goalie Tobias Wipf vom TV Muri sagt: «Es war kein schönes Spiel. Viel Kampf, viele technische Fehler auf beiden Seiten. Für uns war es ein perfekter Abschluss einer nicht so perfekten Vorrunde. Immerhin wissen wir jetzt, dass wir auch enge Spiele gewinnen können.» Eng war es für Muri besonders im Angriff. Die Wohler verteidigten offensiv und die Murianer hatten damit phasenweise grosse Mühe.

Zur Halbzeit führt Wohlen mit 14:11. Doch die Murianer steigern sich im zweiten Durchgang. Junge Spieler wie Eligio Gomboso (4 Tore), Finn Kreuzer (3) und Noel Anghern (6) holen schliesslich die Kohlen aus dem Feuer. Ein «Gamechanger» ist allerdings Jerome Zucker (siehe Bericht unten). Der gewichtige Kreisläufer sitzt lange auf der Bank. Mit Routine und Wucht ist der 31-Jährige am Ende das Zünglein an der Waage für den Sieg der Murianer. Auch der schwingende Handballer Lukas Schwenkfelder ist – vorne und hinten – Gold wert.

Wohlen holt das Maximum aus den Möglichkeiten raus. Nach 35 Minuten führt man 17:12. Viele Zuschauer in der Hofmattenhalle hegten grosse Hoffnungen auf den ersten Sieg seit Oktober 2020 (damals wurde Muri mit einem Tor Unterschied besiegt). Doch auch in diesem Spiel bleiben die Wohler sieglos. Nach Altdorf und Dagmersellen ist es die dritte Partie innert weniger Wochen, die mit einem Tor Unterschied verloren geht.

Handball-Wohlen-Captain Manuel Frey spielte durch – und warf nicht einmal aufs Tor. Der 36-Jährige sagt: «Wir waren 55 Minuten einen kleinen Tick besser und hätten einen Punkt verdient. Aber am Ende fehlten die Cleverness und die Kraft. Muri war uns körperlich überlegen und nutzte dies am Ende eiskalt aus.» Die Probleme der Wohler werden in dieser Partie deutlich. Ein junges Team, das eine schwache Trainingspräsenz hat und nach 14 Niederlagen in Serie kaum Selbstvertrauen besitzt. «Wir haben alles gegeben, mehr ging nicht», sagt Frey. Kämpferisch vorbildlich, spielerisch fehleranfällig – und ein Kader, das kaum Optionen zulässt.

Fehlende Identifikation?

Und augenscheinlich hat die Mannschaft von Trainer Generoso Chechele auch ein Zusammenhaltsproblem. Vorbildlich zeigt sich Topskorer Stefan Burgherr, der trotz Verletzung auf der Bank Platz nimmt und seinem Team beisteht. Doch es gibt andere Spieler, die an diesem Derby mit Abwesenheit glänzen. Und nicht jeder ist dabei verletzt. Die Forderung von Präsident Martin Laubacher im Vorfeld, «dass man sich auch zeigen darf, wenn man nicht spielt», erfüllt nur Burgherr. Es ist ein Spiegelbild der mangelnden Trainingspräsenz – und vielleicht auch der fehlenden Identifikation mit dem Verein. Captain Frey sagt: «Ich habe das Gefühl, in der Abstiegsrunde steht und fällt es mit dem Fakt, wie viele Spieler in den Trainings sind und wie wir zusammenhalten. Alle müssen jetzt begreifen, dass es jeden einzelnen Spieler braucht. Nur gemeinsam schaffen wir den Klassenerhalt.»

«Ich hoffe, es kommt besser als damals»

Erinnerungen kommen hoch an die Saison 2011/12. Von damals zu heute gibt es faszinierend viele Parallelen. Muri und Wohlen steckten beide im Abstiegssumpf. Im Februar duellierten sich die beiden Teams in einem wegweisenden und hochspannenden Spiel. Wohlen führte zur Pause. Muri siegte am Ende mit einem Tor (23:24). Die Klosterdörfler schafften am Saisonende den Ligaerhalt, Wohlen musste in die 2. Liga. Frey ist einer der wenigen Akteure, die damals wie auch heute dabei waren. Er erinnert sich: «Das aktuelle Gefühl ist ähnlich wie damals. Die Mechanismen sind ebenfalls ähnlich. Ich hoffe, es kommt besser als damals.»

Die Murianer Handballer holen den dritten Saisonsieg und gewinnen beide Freiämter Derbys in der Qualifikationsphase. Die jungen Spieler sind einen Schritt weiter als die Talente aus Wohlen. Hinzu kommt ein grösseres Selbstvertrauen. Auch wenn die Murianer mit Abstiegssorgen zu kämpfen haben: Mit konstant starken Leistungen wird sich das Team von Trainer Paul Stöckli wohl in der 1. Liga halten können. Die Abstiegssorgen sind da, aber eher klein im Vergleich zum Freiämter Rivalen. Denn bei Handball Wohlen scheint nur ein kleines Handball-Wunder die Relegation in die 2. Liga verhindern zu können. Oder wie es Handball-Wohlen-Flügellegende Hansi Koch sagt: «Wenn da nicht noch mehrere Schippen draufgelegt werden, wird das nichts.»